
Am Kreuz versprach Jesus dem Verbrecher: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein!“ (Lukas 23,43). Das heißt: Nach seinem Tod war er dort. Ob er jetzt im Paradies ist, hängt von der Bedeutung des Wortes „Paradies“ ab. In 2. Korinther 12,4 wird „Paradies“ wie „Himmel“ verstanden. Nach diesem Verständnis ist Jesus im Paradies, denn das Neue Testament sagt mehrfach, dass er heute zur Rechten Gottes im Himmel sitzt (Epheser 1,20 u. a.).
Am Anfang sollten wir festhalten, dass die Bibel eindeutig davon spricht, dass Jesus im Himmel ist. Mindestens zwanzig Bibelstellen bezeugen ausdrücklich, dass sich Jesus nach seiner Auferstehung und Himmelfahrt zur Rechten des Vaters gesetzt hat. Diese Formulierung bezeichnet einen Platz der Macht und Autorität (siehe u. a. Lukas 22,69; Apostelgeschichte 2,33; Römer 8,34; Epheser 1,20; Kolosser 3,1; Hebräer 1,3; 8,1; 10,12; 12,2; 1. Petrus 3,22).
Am Kreuz versprach Jesus jedoch dem gläubigen Verbrecher, dass sie noch am selben Tag zusammen im Paradies sein würden (Lukas 23,43). Wo oder was auch immer das Paradies genau ist – Jesus war nach seinem Tod und vor seiner Auferstehung dort. Diese Aussage bezieht sich selbstverständlich auf seinen Geist, denn sein Körper ruhte im Grab (Matthäus 27,57-61; Markus 15,42-47; Lukas 23,50-56; Johannes 19,38-42).
Um die Frage zu beantworten, ob Jesus sich jetzt im Paradies befindet, müssen wir zunächst klären, ob „Paradies“ mit dem „Himmel“ gleichzusetzen ist. An dieser Stelle wird es schwieriger, mit Sicherheit zu sprechen, denn das Neue Testament verwendet das Wort „Paradies“ insgesamt nur dreimal. Und was genau damit bezeichnet wird, ist nicht völlig eindeutig.
Der erste weitere Gebrauch des Wortes „Paradies“ (neben Lukas 23,43) findet sich in 2. Korinther 12,2-4. Dort berichtet Paulus von einem Mann, den er kennt, der bis in den dritten Himmel entrückt wurde – ja, ins Paradies selbst. An diesem Ort empfing er unaussprechliche Offenbarungen, die von Gott gegeben waren.
Hier der Bibeltext:
„Ich weiß von einem Menschen, der zu Christus gehört. Der wurde vor vierzehn Jahren bis in den dritten Himmel emporgehoben. Ich weiß nicht, ob er sich dabei in seinem Körper befand. Genauso wenig weiß ich, ob er außerhalb seines Körpers war. Gott allein weiß es!
Ich weiß auch nicht, ob ihm das zusammen mit seinem Körper geschah oder ohne seinen Körper. Das weiß nur Gott allein.
Ich weiß aber, dass er in das Paradies emporgehoben wurde. Dort hörte er unsagbare Worte, die kein Mensch aussprechen darf.“
Fast alle Bibelgelehrten sind sich einig, dass Paulus in dieser Passage in Wirklichkeit von sich selbst spricht. Er wählt jedoch eine demütige Ausdrucksweise und berichtet in der dritten Person.
In Vers 4 verwendet Paulus den Begriff „Paradies“ parallel zum „dritten Himmel“ (vgl. Vers 2). Manche Ausleger vertreten die Ansicht, es habe sich dabei um zwei Stufen in der mystischen Entrückung gehandelt: zunächst in den dritten Himmel und dann in das Paradies. Doch der Text lässt sich ebenso gut – und vielleicht sogar überzeugender – verstehen, wenn „dritter Himmel“ und „Paradies“ als Bezeichnungen für ein- und denselben Ort verstanden werden.
Der Ausdruck „dritter Himmel“ bedeutet nicht, dass es im heutigen Sinn drei oder mehrere Himmel (also drei Wohnsitze Gottes) gäbe. Vielmehr wird hier das Wort „Himmel“ in unterschiedlichen Bedeutungen gebraucht. Es kann den Bereich bezeichnen, in dem die Vögel fliegen, also die Atmosphäre (vgl. Lukas 9,58). Es kann sich auch auf den Bereich der Sterne und Planeten, also den Weltraum, beziehen (vgl. Hebräer 11,12). Der „dritte Himmel“ schließlich ist im Gegensatz zu diesen beiden nicht mit physikalischen Mitteln erkennbar: Er ist weder mit dem bloßen Auge noch mit Teleskopen oder Raumsonden zugänglich. Vielmehr ist er der geistliche Bereich, in dem Gott in besonderer Weise wohnt – auch wenn Gott zugleich allgegenwärtig ist. Dort sind seine Engel und andere himmlische Wesen gegenwärtig (vgl. Lukas 22,43; Johannes 1,51).
Man kann sagen: Der „dritte Himmel“ ist das, was wir heute gewöhnlich unter „Himmel“ verstehen – die Gegenwart Gottes selbst. Wenn Paulus also in 2. Korinther 12 „Paradies“ und „dritter Himmel“ gleichsetzt, dann meint er damit nichts anderes als die unmittelbare Gegenwart Gottes.
Können wir diese Bedeutung des Wortes einfach auf die Worte Jesu am Kreuz zurückführen?
Vielleicht. Doch es gibt in der christlichen Theologie, mit Wurzeln im jüdischen Denken, eine lange Tradition, die „Paradies“ nicht völlig mit dem „Himmel“ gleichsetzt. Zumindest galt dies für die Zeit vor dem Tod Jesu Christi am Kreuz. Denn sein Tod hat den Weg in den Himmel eröffnet.
Nach dieser Vorstellung war der Weg zu Gott vor dem Kreuz selbst für gläubige und gerechte Menschen nicht frei. Auch sie gelangten nicht unmittelbar in die Gegenwart Gottes, sondern befanden sich an einem Zwischenort der Glückseligkeit, während sie darauf warteten, dass Christus die Barriere zum Himmel beseitigte. Dieser Ort wurde „Paradies“ genannt. Wo genau dieses Paradies zu verorten ist, lässt sich in diesem Verständnis nicht mit Sicherheit sagen – doch man stellte es sich als eine Art Bereich im dritten Himmel vor oder als eine Vorstufe des Himmels selbst.
Eine besondere Herausforderung bei diesem Thema liegt darin, dass die Bibel nur sehr wenig über den Zustand zwischen Tod und Auferstehung aussagt. Dennoch sehen viele in Lukas 16,19-31 eine Unterstützung für diese Sichtweise. Dort erzählt Jesus von zwei Männern, die gestorben sind: einem ungenannten Reichen und einem armen Mann namens Lazarus (nicht zu verwechseln mit dem Lazarus aus Johannes 11).
Die Seele des reichen Mannes gelangt in den Hades – ein Begriff, der allgemein den Aufenthaltsort der Toten bezeichnen kann, in dieser Erzählung jedoch ausdrücklich als Ort des Leidens dargestellt wird. Die Seele des Lazarus hingegen wird an einen Ort gebracht, der „Abrahams Schoß“ genannt wird. Dieser Ort erscheint als eine Stätte des Trostes und der Freude, verbunden mit Abraham, dem großen Vorbild all jener, die Gottes Verheißungen im Glauben annehmen.
Obwohl in Lukas 16,19-31 das Wort „Paradies“ nicht vorkommt, begegnen wir dort doch dem Gedanken, dass gerechte Menschen nach dem Tod ihres Leibes an einen Ort des Trostes gelangen – einen Ort, der jedoch noch nicht ausdrücklich „Himmel“ genannt wird. Die Ungerechten dagegen finden sich an einem Ort des Leidens wieder. Zwischen diesen beiden Bereichen besteht ein tiefer, unüberbrückbarer Abgrund (vgl. Vers 26).
Viele Ausleger sind daher der naheliegenden Auffassung, dass „Abrahams Schoß“ lediglich ein anderer Name für das „Paradies“ ist.
Seit dem Tod und der Auferstehung Jesu Christi jedoch dürfen Gläubige erwarten, dass sie mit dem Tod unmittelbar in die Gegenwart Christi eingehen (Philipper 1,23). Und da Christus im Himmel ist (Kolosser 3,1), richtet sich diese Hoffnung nun direkt auf den Himmel selbst. In diesem Zusammenhang begegnet uns der Begriff „Paradies“ nicht mehr.
Was ist also mit Abrahams Schoß beziehungsweise mit dem Paradies geschehen? Die naheliegende Schlussfolgerung lautet: Christus hat den Weg in den Himmel, den Weg zum Vater, endgültig frei gemacht. Alle Gläubigen des Alten Testaments befinden sich nun im Himmel, in der Gegenwart Gottes, dank des vollbrachten Werkes von Jesu Tod und Auferstehung.
Zwar finden wir in der Bibel keine Stelle, die diesen Übergang ausdrücklich beschreibt, doch ergibt sich diese Folgerung logisch aus den Angaben, die uns die Schrift gibt.
Manche Ausleger sehen eine Stütze für diesen Gedanken in Epheser 4,7-10. Dort ist von den „Gefangenen“ die Rede, die Christus mit sich geführt hat. Darunter verstehen manche die Menschen, die im Paradies auf den Himmel warteten. Das ist zwar eine mögliche Interpretation, doch der Text legt nicht ausdrücklich fest, wer mit den „Gefangenen“ gemeint ist. Zudem erscheint es ungewöhnlich, Menschen an einem Ort des Trostes mit diesem Begriff zu bezeichnen.
Andere verweisen auf 1. Petrus 3,18-20 als Bestätigung der Vorstellung, dass Christus nach seinem Tod die im Paradies befindlichen Menschen in den Himmel geführt habe. Allerdings ist die Bedeutung dieser schwierigen Passage stark umstritten und lässt sich nicht eindeutig festlegen.
Die dritte neutestamentliche Stelle, in der das Wort „Paradies“ vorkommt, findet sich in Offenbarung 2,7. Johannes überliefert dort die Worte Jesu an die Gemeinde in Ephesus und schließt mit folgendem Satz: „Wer ein Ohr dafür hat, soll gut zuhören, was der Geist Gottes den Gemeinden sagt: ‚Wer siegreich ist und standhaft im Glauben, dem gebe ich vom Baum des Lebens zu essen. Das ist der Baum, der in Gottes Paradies steht.‘“
Die Verbindung des Baumes des Lebens mit dem Paradies offenbart einen weiteren Aspekt der Frage, wo oder was das Paradies ist. Zugleich wird hier die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs deutlich: „Paradies“ ist ein Lehnwort aus dem Persischen und bedeutet so viel wie „Garten“ oder „umzäunter Park“. Als griechischsprachige Juden das Alte Testament ins Griechische übersetzten, verwendeten sie dieses Wort, um den Garten Eden zu bezeichnen (vgl. 1. Mose 2–3).
Meinte Jesus damit, dass er und der Verbrecher neben ihm zusammen im Garten Eden sein würden?
Nein. Der Garten Eden war ein physischer Ort auf der Erde, wie in 1. Mose 2-3 beschrieben. Jesus spricht hier jedoch von einem nichtkörperlichen Ort, was deutlich wird, da ihre beiden Körper begraben wurden. Zudem wäre der ursprüngliche Garten Eden, unabhängig von seinem Standort, durch die Sintflut (vgl. 1. Mose 7) zerstört worden.
Es gibt jedoch eine geistliche Dimension von Eden als dem verlorenen Paradies. Wie oben beschrieben, gehen manche Ausleger davon aus, dass das Paradies zu einem Zwischenaufenthalt für diejenigen geworden ist, die durch den Glauben an Gottes Wort gerecht wurden.
Manches deutet darauf hin, dass Eden eines Tages wiederhergestellt wird. Tatsächlich begegnet uns ein entsprechendes Bild am Ende der Bibel: In Offenbarung 21–22 wird beschrieben, wie der Himmel auf die Erde kommt und Gott mit seinem Volk zusammen wohnt. In diesem Zusammenhang lesen wir erneut vom Baum des Lebens, der in dem Himmel wächst, der auf die Erde kommen wird.
Daraus ergibt sich: In Offenbarung 2,7 verspricht Jesus denen, die siegen, dass sie am Ende im Paradies teilhaben werden, im vollendeten Zusammenhang von Himmel und Erde.
Was war also das Paradies, von dem Jesus am Kreuz sprach? Mit einiger Sicherheit lässt sich sagen, dass es sich um einen geistlichen Zwischenort der Glückseligkeit handelte. Jesus, der durch seinen Tod am Kreuz die Sünde besiegt hatte, konnte den gläubigen Verbrecher mit sich in dieses Paradies aufnehmen.
Höchstwahrscheinlich durften anschließend auch die Menschen, die dort warteten, mit Jesus in die Gegenwart Gottes gelangen, also in den Himmel. Das Paradies war somit, wenn auch nicht unbedingt eins zu eins, mit dem Himmel identisch. Es war also ein Ort, der in direktem Zusammenhang mit der Gegenwart Gottes stand.
Es ist bemerkenswert, dass Jesus das Wort „Paradies“ niemals verwendete, als er über seine Himmelfahrt sprach. Stattdessen sagte er, er gehe zurück zu seinem Vater, zur Rechten Gottes des Vaters. Auch die Bibelstellen, die Jesu gegenwärtigen Aufenthaltsort beschreiben, verwenden das Wort „Paradies“ nicht.
Wir haben keine eindeutige biblische Erklärung dafür, warum dies so ist. Wenn das Paradies jedoch jetzt im Himmel ist oder möglicherweise mit ihm vereint wurde, wird verständlich, warum die Schrift eher betont, dass Jesus im Himmel ist.
Ist Jesus also im Paradies? Ja, man kann das so sagen. Wer jedoch eine Ausdrucksweise wählen möchte, die näher an der biblischen Terminologie liegt, betont besser, dass Jesus im Himmel ist und zur Rechten Gottes sitzt.
Ja! In 1. Mose 3,22-24 lesen wir, dass sündhafte Menschen nicht in das Paradies gelangen dürfen. Doch genauso wie für den Verbrecher am Kreuz gilt: Wer an Jesus glaubt und darauf vertraut, dass sein Werk am Kreuz den Weg zu Gott geöffnet hat, darf ebenfalls mit Jesus ins Paradies.
Scott Way
Theologisches Seminar Rheinland
